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Forschungsbudgets der chemisch-pharmazeutischen Industrie stagnieren

Innovationsstandort Deutschland braucht Modernisierungsbooster

  • 2022: Branche investiert rund 14 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung
  • Warnsignal für Standort Deutschland: Fast 60 Prozent der externen Forschungsaufträge gehen ins Ausland
  • Größte Innovationshemmnisse: Regulierungsdickicht aus Berlin und Brüssel sowie unzuverlässige politische Rahmenbedingungen
  • VCI-Forderungen: Forschungszulage auf internationales Niveau erhöhen, Reallabore praxisgerecht realisieren, auf Technologiefreiheit setzen
  • Grafik: www.vci.de/infografiken

Trotz angespannter Wirtschaftslage hat die chemisch-pharmazeutische Industrie ihre Forschungsetats stabil gehalten: 2022 investierte die Branche nach Schätzungen des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) rund 14 Milliarden Euro (2021: 13,9 Milliarden Euro) in Forschung und Entwicklung (FuE). Auch für das laufende Jahr rechnet der VCI mit konstant bleibenden FuE-Aufwendungen. Mit Blick auf die Umsatz- und Produktionseinbrüche im ersten Halbjahr 2023 wertet der VCI dies jedoch als ein starkes Signal in Richtung Politik. Thomas Wessel, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Forschung, Wissen­schaft und Bildung, sagt: „Die Branche hat den Standort Deutschland nicht auf­gegeben, jetzt aber muss die Politik dieses Signal mit klaren Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit erwidern. Sonst folgt der Stagnation eine Reduktion.“

Wessel macht deutlich, dass vor dem Hintergrund gewaltiger Anstrengungen anderer Industrienationen stagnierende Forschungsbudgets in Deutschland eigentlich heute schon ein Rückschritt seien. Ohne Innovationen gebe es keine Zukunftssicherung. In den vergangenen Jahren sei es der Branche gelungen, Standortnachteile Deutschlands durch Innovationskraft zu kompensieren. „Wollen wir diesen Kurs beibehalten, müssen wir jetzt den Turbo zuschalten.“ Dazu müssten jedoch die Rahmenbedingungen hierzulande besser sein. „Unseren Unternehmen mangelt es nicht am Willen, in die Zukunft zu investieren – aber eben nicht mehr unbedingt am Standort Deutschland“, so Wessel. Er verweist darauf, dass in der chemisch-pharmazeutischen Industrie mittlerweile fast 60 Prozent aller externen Forschungsaufträge ins Ausland gehen. „Das ist ein Warnsignal für den heimischen Standort. Denn wenn wir hierzulande nicht ausreichend in neue Produkte, Verfahren oder neue Geschäftsmodelle investieren, verlieren wir weiter an Wettbewerbsfähigkeit und verstärken die Deindustrialisierung“, betont Wessel. Eine aktuelle VCI-Mitgliederumfrage zeigt außerdem: 23 Prozent der Unternehmen tendieren 2023 zu mehr FuE-Investitionen im Ausland.

Innovationen brauchen starken Rückenwind

Der Chemieverband führt diese Entwicklung auf die ungünstigen Rahmen­bedingungen am heimischen Forschungsstandort zurück. Die Chemie- und Pharmaunternehmen beklagen laut VCI-Umfrage die Regulierungswut aus Brüssel und Berlin sowie die unzuverlässigen politischen Rahmenbedingungen als die größten Hemmnisse für Innovationen. So müssten die Unternehmen eine Fülle an Informationen bei Förderanträgen für Forschungsprojekte ein­reichen, kleine und mittlere Unternehmen einen unangemessen hohen Rechercheaufwand bei der Suche nach geeigneten Förderprogrammen be­treiben. Aufgrund von Regularien gebe es außerdem lange Bearbeitungszeiten bei Behörden und Unternehmen gleichermaßen. Ein solch toxischer Mix aus überbordender Bürokratie und Regulierung müsse neutralisiert werden.

Ergänzend verweist der VCI auf die Entwicklung Chinas, das seine FuE-Bemü­hungen intensiviert: In nur zehn Jahren hat sich der Anteil Chinas an den welt­weiten Patentanmeldungen für Chemie und Pharma mehr als verdreifacht.

„Innovationen brauchen kein laues Lüftchen, sondern starken Rückenwind“, unterstreicht Wessel. Er fordert – neben einem wettbewerbsfähigen Industrie­strompreis als Brücke bis genügend erneuerbare Energien zur Verfügung stehen – auch einen grundlegenden Modernisierungsbooster: Das gesamte deutsche Innovationssystem müsse agiler werden, damit die Umsetzung von Forschung in marktfähige Produkte beschleunigt wird.

Der Chemieverband schlägt unter anderem vor, die Forschungszulage auf inter­nationales Niveau zu erhöhen, die Forschungsförderung anwendungsnaher zu gestalten und Reallabore praxisgerecht zu realisieren, um im industriellen Maß­stab neue Technologien testen zu können. Bei der Forschungsförderung müsse die Politik auf Technologiefreiheit setzen und ideologische Scheuklappen ablegen. So sollte die Politik beispielsweise den Weg für das chemische Recyc­ling freigeben, statt einseitig auf mechanisches Recycling zu setzen. Und außer­dem sei eine durchgängige MINT-Bildung von der Grundschule bis zum Abitur notwendig, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Fehlende personelle Ressourcen in diesem Bereich torpedierten künftige Innovationen.

EU: Widersprüche in der Innovationspolitik auflösen

Unzufrieden zeigt sich der Chemieverband auch mit Europa: „Die EU betreibt eine zum Teil widersprüchliche Innovationspolitik“, erläutert Wessel. So wolle die EU-Kommission mit ihrem Konzept für ein sicheres, nachhaltiges Design ein Werkzeug generieren, um nachhaltige Innovationen zu ermöglichen. Dies sei im Prinzip ein guter Ansatz. Aber in der Praxis befürchtet der VCI Denkverbote für die Forscherinnen und Forscher, da beispielsweise Stoffe mit theoretisch hoher Reaktivität per se als nicht nachhaltig eingestuft werden. „Mit solchen Ein­schränkungen verbauen wir uns ohne Not zu einem frühen Zeitpunkt entschei­dende Chancen für einen nachhaltigen Lösungsbeitrag, durch neue Materialien etwa“, kritisiert Wessel.

Ein ähnliches Bild biete sich beim „Patent-Paket“ der EU-Kommission. Mit dem europäischen System ergänzender Schutzzertifikate werde der Forschungs­standort Europa gestärkt, weil damit einerseits Bürokratie abgebaut wird und die Kosten sinken. Die Brüsseler Pläne, EU-weit geltende Zwangslizenzen auf Rechte des geistigen Eigentums einzuführen, schwächten andererseits aber genau diesen Schutz. Im Ergebnis werde sich dies negativ auf die künftige Inno­vationstätigkeit sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in der EU auswirken.

Der VCI und seine Fachverbände vertreten die Interessen von rund 1.900 Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie und chemienaher Wirtschaftszweige gegenüber Politik, Behörden, anderen Bereichen der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Medien. 2022 setzten die Mitgliedsunternehmen des VCI rund 260 Milliarden Euro um und beschäftigten knapp 550.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

 

Ihr Ansprechpartner
Fabian Hoppe
Nordostchemie-Verbände

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