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Chemiearbeitgeber fordern tarifpolitische Atempause – Schutz von Standorten und Arbeitsplätzen hat Priorität

Regionale Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie ergebnislos vertagt

Bei den heutigen regionalen Chemie-Tarifverhandlungen im Kulturhaus Leuna (Sachen-Anhalt) haben die Chemiearbeitgeber eine klare Botschaft an den Sozialpartner gerichtet: Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Lage benötigen die Unternehmen in Ostdeutschland dringend eine tarifpolitische Atempause. Die aktuelle Situation lässt keinen finanziellen Spielraum für Lohnerhöhungen zu, ohne die Zukunftsfähigkeit ganzer Standorte zu gefährden. Die Verhandlungen blieben ohne Ergebnis und sollen am 3. Februar auf der Bundesebene fortgesetzt werden.

„Wir stehen vor einer existenziellen Herausforderung für den Chemiestandort Ostdeutschland“, betonte Jens Haselow, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie e. V. „In den vergangenen Monaten mussten bereits Unternehmen in unserer Region Anlagen schließen. Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, schwächt nicht nur die betroffenen Familien, sondern die gesamte Wertschöpfungskette unserer Verbundstandorte.“

Verbundstandorte unter massivem Druck

Die Lage ist im Osten Deutschlands besonders angespannt. Die Region ist stark von Verbundstandorten geprägt, an denen Unternehmen eng entlang der chemischen Produktionsketten miteinander verflochten sind. Bricht ein Teil dieses Systems weg, gerät die gesamte Produktion des Verbunds ins Wanken – mit schwerwiegenden Folgen für Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung.

„Unsere Unternehmen benötigen jetzt eine tarifpolitische Atempause, damit die Betriebe ihre Strukturen an die aktuelle Marktsituation anpassen, Investitionen priorisieren und Produktionsprozesse effizienter gestalten können“, erklärte Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Nordostchemie e.V.

Die IGBCE fordert eine Erhöhung der Einkommen für die Tarifbeschäftigten und Auszubildenden, die die Kaufkraft weiter stärkt, sowie tarifliche Instrumente zur Beschäftigungssicherung.

Strukturelle Nachteile und wirtschaftliche Belastungen

Die Chemie- und Pharmaindustrie leidet aktuell unter gravierenden Rahmenbedingungen: hohe Energie- und steigende Arbeitskosten, zunehmende Bürokratie, eine schwache Nachfrage, geopolitische Unsicherheiten sowie ein deutlicher Importdruck setzen die Unternehmen massiv unter Druck. Die Produktionsauslastung liegt auf einem historisch niedrigen Niveau. Bereits jetzt werden bundesweit tausende Arbeitsplätze in der Chemieindustrie abgebaut oder stehen zur Disposition – auch in Ostdeutschland sind Standorte und Beschäftigung konkret gefährdet.

„Wir brauchen einen Tarifabschluss, der die Krise anerkennt und nicht verschärft“, so Haselow weiter. „Unser oberstes Ziel muss der Schutz des Standorts und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein. Die De-Industrialisierung, die wir bereits erleben, müssen wir gemeinsam stoppen.“

Appell an die IGBCE

Die Chemiearbeitgeber appellieren an die Gewerkschaft IGBCE, die dramatische Lage der ostdeutschen Chemie- und Pharmaindustrie anzuerkennen und gemeinsam Verantwortung für die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten zu übernehmen. Nur ein tarifpolitisch verantwortungsvoller Umgang ermögliche Stabilisierung, Zukunftsinvestitionen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Die regionalen Verhandlungen in Leuna sind eingebettet in die derzeit laufende bundesweite Chemie-Tarifrunde 2026. Auf Bundesebene sollen die Gespräche am 3. Februar fortgesetzt werden.

Über den AGV Nordostchemie:

Im Arbeitgeberverband Nordostchemie sind mehr als 150 Unternehmen der chemisch‐pharmazeutischen Industrie in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen mit rund 48.000 Beschäftigten zusammengeschlossen. Der Verband setzt sich für die tarif- und sozialpolitischen Interessen seiner Mitglieder gegenüber Gewerkschaft, Politik und Öffentlichkeit ein.

 

Jens Haselow, Verhandlungsführer Arbeitgeberverband Nordostchemie, und Stephanie Albrecht-Suliak, Verhandlungsführerin und Landesbezirksleiterin IGBCE Nordost