VCI Nordost //
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Arzneimittel sind systemrelevant – Die chemisch-pharmazeutische Industrie muss zentraler Baustein der nationalen Sicherheitsarchitektur sein
Auf der KRITIS-Fachtagung 2026 in Berlin mahnt Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost:
„Wer Versorgungssicherheit will, muss Resilienz fördern – nicht nur Kosteneffizienz. Verteidigung, Industrie- und Gesundheitspolitik müssen zusammengedacht werden".
Rund 500 Medikamente sind derzeit in Deutschland knapp – fast ausschließlich Generika. Mehr als 70 Prozent der Antibiotikawerkstoffe stammen aus China. Diese Abhängigkeit ist sicherheitspolitisches Versagen. Auf der KRITIS-Fachtagung 2026 in Berlin hat Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, gefordert:
Die pharmazeutische Industrie muss als Teil der nationalen Sicherheitsarchitektur anerkannt und entsprechend behandelt werden.
Die Hauptgeschäftsführerin diskutierte auf dem Panel „Strategien für eine resiliente medizinische Versorgung im Krisenfall" – gemeinsam mit Dr. Ina Lucas, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin und Vizepräsidentin der ABDA, sowie Stephan Schiebrowski, Geschäftsführer von Dräger Medical, Lübeck.
„Medikamente sind dann am billigsten, wenn wir sie nicht brauchen – und am unbezahlbarsten, wenn sie fehlen. Diese Tatsache muss Grundlage jeder politischen Entscheidung über den Pharmastandort Deutschland sein", mahnte sie.
Nora Schmidt-Kesseler machte deutlich: Jahrelanger Preisdruck durch Rabattverträge hat die Produktion wichtiger Medikamente in Deutschland unrentabel gemacht. Wo vor zehn Jahren noch elf Anbieter Fiebersäfte für Kinder herstellten, gibt es heute faktisch einen Monopolisten. Zwei Drittel der generischen Wirkstoffe stammen heute aus China oder Indien – vor zwanzig Jahren war es noch umgekehrt.
„Die pharmazeutische Industrie ist nicht nur eine Krisenfolgenbewältigerin – sie ist eine Krisenpräventorin. Ihre Forschung, ihre Produktion und ihre Lieferfähigkeit bilden ein strategisches Rückgrat, das mit der Energie- oder Lebensmittelsicherheit vergleichbar ist."
Chemie als Grundlage moderner Verteidigung und Gesundheit
Kritische Infrastruktur bedeutet heute mehr als Strom und Wasser. Auch bei der Detektion chemischer, biologischer oder radiologischer Gefahren spielt die chemische Industrie eine Schlüsselrolle. Verteidigung, Industrie- und Gesundheitspolitik müssten deshalb zusammengedacht werden.
„Chemie ist kritische Infrastruktur. Moderne Verteidigungstechnologie besteht aus Hochleistungsmaterialien, Speziallacken, Sensorik, Treibstoffen, Batterietechnologien und Verbundwerkstoffen – all das kommt aus der chemischen Industrie. Wer über Panzer und Flugzeuge spricht, spricht in Wahrheit auch über Grundstoffchemie."
Die steigenden europäischen Verteidigungsinvestitionen könnten Hunderttausende Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Nora Schmidt-Kesseler forderte eine Beschaffungspolitik, die strategische Kriterien stärker gewichtet als kurzfristige Preiseffekte, eine Innovationsförderung, die europäische Produktion belohnt, sowie die politische Anerkennung der pharmazeutischen Industrie als sicherheitsrelevante Infrastruktur.
Die KRITIS-Fachtagung 2026 bringt Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Sicherheitsarchitektur zusammen, um Strategien für eine resiliente Versorgung in Krisenlagen zu erarbeiten.